„Mein bester Freund wohnt auf der anderen Seite“

Stephan Krawczyk, Symbolfigur der DDR-Bürgerbewegung, bot Oberstufenschülern am Friedrich-Wilhelm-Gymnasium einen eindrucksvollen Einblick in die Lebensrealität der DDR.

Einen ganz besonderen Blick auf die Geschichte und den Alltag in der DDR erhielten die Schüler der 11. und 12. Jahrgangsstufe am 7. Dezember, als sie eine Konzertlesung mit dem Liedermacher und Autor Stephan Krawczyk am FWG erleben durften und so von Erlebnissen und Emotionen eines Zeitzeugen erfuhren, die sie meistens nur aus Schulbüchern kennen. In einer vielfältigen Mischung aus autobiografischen Schilderungen, der musikalischen Auseinandersetzung und dem Vortrag einer fiktionalen Erzählung vermittelte Krawczyk ein anschauliches Bild seines Lebens und dem vieler Zeitgenossen in der DDR.

In Orientierung an seinen Lebenslauf stellte der im Jahr 1955 geborene Liedermacher seine DDR-typische Sozialisation vor, zu der beispielsweise die Mitgliedschaft bei den Jungpionieren, der DDR-Kinder- und Jugendorganisation, und der FDJ-Singbewegung sowie der Parteimitgliedschaft in der SED gehörten. Er selbst bezeichnete sich während des Vortrags als „Mitläufer mit dem System“, der erst während seines Wehrpflichtdienstes vom „gelernten DDR-Bürger“ zum Systemkritiker wurde. Dabei half ihm das Gitarrespielen, bei dem es ihm zuerst vorrangig ums Musizieren, später auch um das „Schaffen eines Traumraumes“ gegangen sei, so Krawczyk. Kostproben dieses musikalischen Schaffens, an dem sich auch seine Entwicklung zum Systemkritiker ablesen lässt, gab er unter anderem mit den Liedern „Iglu auf dem Eskimond“ oder „Das Lied vom Clown“.

Als seine Texte dann immer politischer und kritischer geworden seien und er sich beispielsweise mit Reise- oder Meinungsunfreiheit befasst habe, so Krawczyk, habe man ihm Mitte der 80er Jahre seine Künstlerzulassung entzogen. So blieb ihm als einzige Möglichkeit, sein künstlerisches Schaffen öffentlich zu präsentieren, der Auftritt in Kirchen. Nichtsdestotrotz zog er die Aufmerksamkeit der Stasi auf sich, sicherlich befördert durch seinen Parteiaustritt, den er im Song „Es geht so lange gut, solange es gut geht“ reflektiert. Sehr anschaulich beschrieb Krawczyk dem Publikum die Stasi-Methoden, mit denen er konfrontiert war: Neben der Verwanzung der Wohnung und der Überwachung seines Telefons schilderte er den Versuch der Stasi, ihn und seine damalige Frau, Freya Klier, mittels der Kontamination des Autos mit Nervengift „zu beseitigen“. Nach seiner Festnahme und 16 Tagen Inhaftierung in Hohenschönhausen wurde er vor die Wahl gestellt, entweder in den Westen abgeschoben zu werden oder für zwölf Jahre im Gefängnis zu bleiben. So kam es dazu, dass der Liedermacher im Jahr 1988, also ein Jahr vor dem Fall der Mauer, nach Westdeutschland abgeschoben wurde.

Eindrücklich und besonders lohnenswert für Jugendliche, die in Westdeutschland geboren sind und wegen ihres Alters wenige Berührungspunkte mit der DDR-Historie haben, war auch der Vortrag der Erzählung „Mein bester Freund wohnt auf der anderen Seite“: Aus der Perspektive eines westdeutschen Jugendlichen beschreibt Krawzcyk dessen Wahrnehmung Ost-Berlins im Rahmen zweier Besuche dort, bei der sich eine Freundschaft mit einem ostdeutschen Jungen entwickelt, die sich dank des Mauerfalls festigen konnte.

Im Anschluss an die Konzertlesung stand der Liedermacher den Zuhörern für Fragen zur Verfügung. Hier entwickelte sich ein lebendiger Austausch, in dem Krawczyk weitere Einblicke in sein Leben bot, gleichzeitig auch den ein oder anderen kritischen Blick auf die Situation der derzeitigen Demokratie in Deutschland richtete. Die rege Beteiligung zeigte, wie sehr es Stephan Krawczyk gelungen ist, die Oberstufenschüler mit seinen offenen und berührenden Darstellungen in einem vielfältigen und abwechslungsreichen Format zu beeindrucken.

Die vom Fachbereich Sozialkunde organisierte Veranstaltung wurde finanziell und organisatorisch gefördert von der Konrad-Adenauer-Stiftung, die dem FWG bereits eine Ausstellung zum Thema DDR-Alltagswelt bereitgestellt hatte.

Christiane König

 

Stimmen aus der Schülerschaft zur Konzertlesung

Fabian Sponholz, MSS 12: „Gut gefallen hat mir vor allem die Erzählung aus seinem Leben, da sie spannend war und ich mir ein gutes, wenn auch angsteinflößendes Bild von den Umständen in der DDR machen konnte. Auch die musikalischen Einlagen waren unterhaltsam und haben mir gut gefallen. Einziger Kritikpunkt wäre vielleicht die Länge seiner Leseprobe, wobei die mich persönlich nicht so stark gestört hat, da auch diese spannend war.“

Marieke Scheithauer, MSS 11: „Ich fand die Lesung unterhaltsam und vor allem dank der Gesangseinlagen außerdem sehr abwechslungsreich. Obwohl ich persönlich nicht viel Neues über die DDR lernen konnte, denke ich, dass Stefan Krawczyk für einen interessanten und kritischen Blickwinkel auf die DDR seitens seiner Zuhörer gesorgt hat.“

Gabriel Schild, MSS 12: „Stephan Krawczyks beeindruckende Lebensgeschichte wirft Fragen auf: Können wir uns glücklich schätzen, in einem demokratischen Rechtsstaat zu leben, in dem niemand fürchten muss, Opfer einer von der eigenen Regierung angeordneten Nervengiftattacke zu werden? Oder sind wir angepasste Produkte unseres Systems, das uns mit all seinen alltäglichen Annehmlichkeiten einlullt und uns so die Fähigkeit nimmt, es zu hinterfragen?“

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