Sophokles, König Ödipus: Einsicht, die zu spät kommt…

Das Thema des diesjährigen „Festival Européen Latin Grec“ war die Tragödie „Oedipus rex“ des griechischen Tragikers Sophokles, der berühmte Mythos um Schuld und Verantwortung.

Ödipus erfüllt darin sein Schicksal, indem er unwissentlich seinen Vater Laios, König von Theben, erschlägt (er war nach der Geburt ausgesetzt worden und kannte seinen Vater demnach nicht). Nachdem er für die Polis Theben das Rätsel der Sphinx gelöst und die Stadt so von einer Seuche befreit hat, wird er zum Herrscher deklariert und bekommt die verwitwete Iokaste zur Frau, die seine Mutter ist. Spät erkennt Ödipus die Verstrickungen und bestraft sich durch Blendung seiner Augen, Iokaste erhängt sich.

Bei diesem in Frankreich organisierten Festival findet an einem Tag im Jahr (dieses Jahr: 25.03.2022) eine weltweite  Ausstrahlung von Beiträgen statt, die sich in irgendeiner Form mit dem Text des vorgeschlagenen Werkes beschäftigen. So soll für Freunde und Lernende der alten Sprachen weltweit eine virtuelle Begegnung miteinander und mit dem Text erfahrbar werden.

Für Trier kooperierten die Universität Trier, Fachbereich Klassische Philologie, Gräzistik, vertreten durch Herrn Juniorprofessor Diego De Brasi mit Alumni des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums und ihrer ehemaligen Griechisch-Lehrkraft Nina Stahl. Der Beitrag des FWG ist einer von 2 Beiträgen aus Deutschland.

Die Corona-Pandemie erschwerte natürlich auch dieses Vorhaben. So traf sich die Gruppe mehrmals auf Zoom und erarbeitete eine „Performance“ für den Ausstrahlungstag. Hierzu lasen alle Beteiligten den Text noch einmal intensiv durch und filterten aussagekräftige Stellen heraus, die sich zum Vortrag eigneten. Wir einigten uns schließlich auf eine Szene aus dem 1. Epeisodion, in dem Ödipus sich als selbstsicheren Herrscher stilisiert, der die Polis Theben mit starker Hand führt. Er erklärt den Mörder des früheren Königs Laios, der – wie er nicht weiß – sein Vater ist, für vogelfrei. Unwissentlich verurteilt er sich dabei selbst, denn er ist es ja, der Laios umgebracht hat. Weiterhin suchten wir eine Stelle aus dem Kommós (eine Art Klagepartie) aus, die in das 2. Epeisodion, ein Gespräch zwischen Ödipus und Iokaste, übergeht. In dieser Sequenz wird dem Ödipus schrittweise klar, dass er der gesuchte Mörder sein könnte. Zusätzlich sieht er, dass sich die Erfüllung des Orakelspruchs – er werde seinen Vater töten und die Mutter heiraten – anbahnt, und Grauen überkommt ihn.

Wir haben versucht, diesen Wandel von überheblicher Selbstsicherheit, im Griechischen ὕβρις (Hybris), zu langsam sich anbahnender Erkenntnis, die mit Entsetzen und Schmerz verbunden ist, darzustellen. Dazu haben wir den Text zunächst auf Deutsch, die Kernsequenz jedoch im Wechsel auf Altgriechisch und Deutsch verlesen und aufgenommen. Weiterhin haben wir uns getroffen und Standbilder gemacht, die die Situation einzelner Stadien der Erkenntnis verbildlichen sollten. Dabei haben wir uns bemüht, durch Andeutungen im darstellerischen Bereich die Interpretation zu unterfüttern, bspw. ist Iokaste stets mit einem roten Schal um den Hals dargestellt, der wie ein Strick nach oben gehalten wird und so ihren gewaltsamen Selbstmord antizipiert, oder hat Ödipus eine Sonnenbrille auf, um auf seine Blendung vorzuverweisen. Auch Kreon, der von Ödipus aufs Übelste beschuldigt wird, aber unschuldig ist, ist mit einem Attribut versehen: Er trägt die sprichwörtliche „weiße Weste“.

Es war eine sehr schöne und anregende Erfahrung, mit jungen Menschen aus ganz verschiedenen Bereichen an einem antiken Text zu arbeiten. Sie alle eint die Faszination am Altgriechischen – einige der ehemaligen Schüler:innen studieren die Sprache oder die Altertumswissenschaften sogar, andere haben schon jahrelang nichts mehr damit zu tun gehabt und konnten bzw. mussten sich ein wenig wieder einfinden und erinnern.

Mitgewirkt haben Hannah Schaffrath (Abitur 2012), Sophie Kröner, Frederick Riemenschneider (beide Abitur 2018), David Mattes (Abitur 2020), Lennart Noll und Leander Schrömbgens (beide Abitur 2021). Lennart hat dankenswerterweise die Aufgabe des Schneidens und andere technische Finessen übernommen, die Leitung hatte Herr JProf. De Brasi.

Hier ist der Link zum Beitrag – Interessierte können ihn gerne nachhören und ansehen:

https://www.facebook.com/watch/?v=491356029128415

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