
Am Dienstag, dem 09.06.2026, bekamen die Kurse Ethik und Philosophie der Jahrgangsstufe 12 außergewöhnlichen Besuch von Dr. Michael Schmidt-Salomon, einem bekannten Philosophen und ehemaligen Schüler des FWG.Als Mitbegründer und Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, moderner Vertreter des „evolutionären Humanismus“ und Religionskritiker fordert er zahlreiche traditionelle und theologische Moralvorstellungen heraus, was ihn als einen besonders inspirierenden und interessanten Gesprächspartner auszeichnet.
Bereits im Vorfeld bereiteten sich die Schülerinnen und Schüler im Unterricht auf das anstehende Treffen vor, indem die Arbeitsgruppen aus den folgenden thematischen Schwerpunkten wählten, um ihren Diskussionsteil eigenständig vorzubereiten:
Kurz nach Schulbeginn versammelten sich alle Beteiligten, darunter Frau Mees, Frau Mudter und Herr Gauß mit ihren Kursen sowie ihr Gast, im DS-Raum. Auffällig an Herrn Schmidt-Salomon war vor allem seine ruhige und gelassene Ausstrahlung, die für eine angenehme Atmosphäre sorgte.
Nach einer Begrüßung Schmidt-Salomons durch Frau Leich im Namen der Schulleitung begann die Moderation der Schülerinnen und Schüler mit Fragen zur Person Schmidt-Salomons sowie zu seiner Schulzeit am FWG. Laut Schmidt-Salomon wurde seine Schulzeit am FWG unter anderem durch seine eigenständige Auseinandersetzung mit ehemaligen prominenten Mitschülerinnen und -schülern geprägt. Darunter befanden sich auch einige kritisch zu betrachtende Personen der NS-Zeit. Positiv hob Schmidt-Salomon Karl Marx als prägenden Einfluss seiner philosophischen Jugend hervor und empfahl in diesem Zusammenhang dessen Abituraufsatz „Betrachtung eines Jünglings bei der Wahl des Berufs“.
Die erste thematische Gruppe widmete sich der Frage nach dem Sinn des Lebens und eröffnete zugleich einen Einblick in die religionskritische Perspektive des Gasts. So ist ein Kernpunkt seines evolutionären Humanismus die kritische Betrachtung von Religion sowie ihrer gesellschaftliche Verankerung, die er als Grundlage für viele Dogmen und Vorurteile sieht.
Im weiteren Verlauf wurde deutlich, dass der Sinn des Lebens nach Schmidt-Salomon von jedem Menschen selbst gefunden und definiert werden müsse. Er selbst befürwortet einen hedonistischen Ansatz, bezieht sich dabei auf Epikur und betont, dass Glück vor allem darin liege, das eigene Leben sinnstiftend für andere zu gestalten. So versteht er auch seine Aufgabe als Philosoph: Die Philosophie als „Liebe zur Weisheit“ im Sinne einer Lebensweisheit, die dazu beiträgt, Dinge positiv zu verändern.
Die darauffolgende Gruppe bezog sich zunächst auf Kants Moralphilosophie. Dabei wurde insbesondere Kants Rigorismus diskutiert, den Schmidt-Salomon kritisch bewertet. Gleichzeitig befürwortet er jedoch Kants Aufklärungsbegriff, den er im Rahmen seines evolutionären Humanismus weiterführt, indem er eine wissenschaftlich fundierte, von evolutionären Erkenntnissen geprägte Welt- und Menschenauffassung als Grundlage aufgeklärten Denkens versteht.
Im Anschluss wurde der Utilitarismus thematisiert. Zwar teilt er die grundlegende Orientierung an den Folgen moralischen Handelns, warnt jedoch vor einer reinen Nutzenmaximierung, da diese unter Umständen zu problematischen Konsequenzen bis hin zur Missachtung von Menschenrechten führen kann. Seine eigene Position ordnet er dennoch als konsequentialistisch ein. So versteht er Ethik als einen fairen Ausgleich von Interessen, der jedoch nicht auf eine quantitative Nutzenrechnung reduziert werden darf, sondern durch humanistische Prinzipien wie Menschenwürde und individuelle Rechte begrenzt ist.
Die nächste Gruppe beschäftigte sich mit verschiedenen Aspekten der angewandten Ethik. Im Bereich der Tierethik vertritt Schmidt-Salomon eine ähnliche Ansicht wie Peter Singer, der einen stärkeren Schutz insbesondere für menschenähnliche Tierarten fordert. Zugleich begegnet Schmidt-Salomon Singers Ansatz kritisch und betont vor allem die für ihn notwendige Unterscheidung zwischen einer empirischen Person und einer Rechtsperson. Interessant ist zudem, dass sich die von Schmidt-Salomon mitbegründete „Giordano-Bruno-Stiftung“ für gesellschaftlich relevante Themen der angewandten Ethik wie Tierrechte, die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen sowie die rechtliche Regelung von Sterbehilfe einsetzt. Hinter all diesen Standpunkten stehen differenzierte philosophische Überlegungen, in die unser Gast den Schülerinnen und Schülern Einblick gewährte.
Abgeschlossen wurde das Interview mit dem Bereich des sogenannten „Transhumanismus“, der sich mit der technologischen Erweiterung des Menschen befasst und dem Schmidt-Salomon differenziert gegenübersteht. Mit Blick auf die Entwicklungen der künstlichen Intelligenz warnt Schmidt-Salomon vor einer „künstlichen Dummheit“. Damit meint er die Gefahr eines blinden und unreflektierten Umgangs mit KI-Systemen und eines unkritischen Vertrauens in deren Inhalte.
Auf die abschließende Frage hin, welche Botschaft er den Schülerinnen und Schülern in einem Satz mitgeben wolle, antwortete er: „Es ist nicht immer vernünftig, vernünftig zu sein.“
Vielen Dank an Herrn Schmidt-Salomon, der diese besondere philosophische Begegnung ermöglichte und unserer zukünftigen Schulbücherei außerdem einige seiner literarischen Werke spendete.
Christopher Biehl, im Ethik-Kurs (ME, 12)