
Beim Rundgang über das Gelände wurde die systematische Entmenschlichung der Gefangenen deutlich. Es war unvorstellbar zu hören, wie Menschen bei eisiger Kälte an einen Marterpfahl angekettet oder von SS-Männern im Löschteich ertränkt wurden. Dass Menschen alltäglich anderen Menschen solche Grausamkeiten antun konnten, um sie zu bestrafen, zu erniedrigen oder sich selbst zu belustigen ist aus heutiger Sicht schwer zu verstehen und in keiner Weise mit der menschlichen Würde vereinbar.
Die Inhaftierten wurden keinesfalls als gleichwertige Individuen gesehen, sondern lediglich als minderwertige Arbeitskräfte, die man bis zur völligen Erschöpfung ausbeutete. Unter Hunger, Krankheiten und extremen Gewichtsverluste leidend, wurden sie zur Arbeit gezwungen, bis ihr Körper nachgab. Dass viele Gefangene ihr eigenes Grab ausheben mussten, lässt uns fassungslos zurück und verdeutlicht, dass ein Menschenleben an diesem Ort kaum noch etwas wert war. Es ist schwer für uns zu begreifen, dass Menschen anderen Menschen so etwas Grausames antun konnten.
Während das Leid der Häftlinge Tag für Tag zunahm, war das Leben der SS-Männer komfortabel und sorgenfrei. Sie hatten Freizeitmöglichkeiten, Aufenthaltsräume und erhielten regelmäßige Mahlzeiten, also alles, was den Gefangenen verwehrt blieb. Besonders entsetzend war für uns, dass die Hunde der Wachmannschaften vorschriftsmäßig wesentlich mehr Nahrung, Ruhezeiten und Versorgung als die Häftlinge erhielten. Die Gefangenen mussten sich teilweise von Schnecken, Kröten, Insekten oder allem anderen Essbaren ernähren, das sie fanden, um irgendwie bei Kräften zu bleiben. Dieser Gegensatz verdeutlicht nochmals, dass diese Menschen in den Augen der Nationalsozialisten sogar weniger Wert waren als Tiere.
Besonders erschütternd war für uns außerdem, dass ein beteiligter Arzt, der an Morden mitwirkte und diese teilweise als natürliche Todesfälle deklarierte, um Verbrechen zu verschleiern, nicht zur Verantwortung gezogen wurde. Trotz hinreichender Beweise wurden solche aktiven Täter nach Kriegsende nicht konsequent verurteilt. Solche Fälle zeigen, dass viele Täter nicht gerecht bestraft wurden und dass ihre Opfer niemals wirkliche Gerechtigkeit erfahren konnten.
Die für uns am schwersten nachvollziehbare Tatsache ist, dass diese Verbrechen nicht im Verborgenen geschahen, sondern vor den Augen der Öffentlichkeit. Das Leid, das sich direkt neben einer öffentlichen Straße abspielte, war für Außenstehende sichtbar. Für uns ist es unbegreiflich, dass viele Menschen wegsahen und schwiegen. Gerade dieses Wegsehen und die Gleichgültigkeit machen solches Unrecht erst möglich, deshalb dürfen wir niemals schweigen.
Jule & Max (Jg. 12)